Nicht gebraucht, nicht gerufen
Paul Ignaz Vogel
Rudolf H. Strahm hat an der Delegiertenversammlung der Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz (BKSE) referiert, wie eine aktivierende Sozialpolitik auszusehen hätte. Sein Konzept besticht durch Einfachheit. Strahm lehnt sich unausgesprochen an die Utopie der Vollbeschäftigung an. Arbeit ist alles und der Arbeitslohn das einzige Einkommensmodell, das anzustreben wäre. Vom bedingungslosen Grundeinkommen natürlich kein Wort.
Dafür Aktivierung der Menschen zur Arbeit – auch wenn diese fehlt. Ein Herrschaftsanspruch der Habenden wird sichtbar. Prävention als Ankündigung von Repression. Wird hier mit leeren Versprechungen für die Zukunft noch mehr Druck aufgebaut?
Strahm ist der plausiblen Überzeugung, dass heute auf dem sogenannten Arbeitsmarkt nur Gelernte gebraucht würden. Als Beweis führte er den Import von Fachkräften aus dem Ausland an. Eine Nachfrage nach Gelernten bestünde nach wie vor. SchweizerInnen seien von Kindsbeinen an besser zu schulen, AusländerInnen mit Minimalanforderungen zu konfrontieren, damit sie hier bleiben dürfen.
Doch so einfach ist es eben nicht. Zwischen dem utopischen Bild einer aktivierenden Sozialpolitik und den Realitäten unserer Gesellschaft ganz unten, mit den politischen Mehrheitsverhältnissen in der Schweiz, den bestehenden, immer repressiver werdenden Gesetzen im Sozialen, dem Diktat der internationalen Finanzmärkte, die gerettet werden müssen durch Sparen als Politikersatz: Durch all das besteht ein grosser Graben, in welchen die Benachteiligten fallen. Es geht um fast eine Million real existierender Menschen in der Schweiz, die im Hier und Jetzt von einer gestaltenden Politik ausser Acht gelassen werden. Verachtung durch Verwaltung. Menschenrechte ade.
Was heisst es, zur Migration gezwungen worden zu sein? Oder ungewolltes Opfer eines wegstrukturierten Arbeitsplatzes zu werden? Und was tun, wenn einst erlernte Berufe wegen des rasanten technologischen Wandels während der eigenen Berufszeit verschwinden? Wenn jemand den technologischen und strukturbedingten Wandel in der Arbeitswelt am eigenen Leib erfahren muss? Und wegen der Dynamik der Entwicklung und der pausenlosen Veränderung der Anschluss an eine effiziente Umschulung und Weiterbildung verpasst wird? Wenn nicht nur der Wille des Gesetzgebers fehlt, sondern auch die bestehenden Instrumente versagen? Und die persönliche Kraft und die Ressourcen einmal aufgebraucht sind?
Strahm, ein ehrlicher Mensch, hat zwar in seinem Referat eingestanden, dass die Arbeitgeberschaft in kein Gesetz eingebunden und in keine Pflicht genommen werden kann. Womit sein Konzept in sich zusammenbricht. Denn in seinen Überlegungen haben gerade die Menschen in Not, die den sozialen Abstieg in ihrer Vita hinnehmen mussten, keinen Platz. Sie dürften innerhalb ihres eigenen Lebenslaufes kaum mehr genügend Ausbildung oder/und Weiterbildung erfahren.
Wenn aber jeder politische Gestaltungswille fehlt, der Gedanke des sozialen Friedens in der Gesellschaft abhanden gekommen ist und die verheissene Ausbildung in utopische Ferne gerückt wird, bleibt nur noch die Wundversorgung der Opfer im neoliberalen Wirtschaftskrieg gegen die Bevölkerungen auf der ganzen Welt. Sprich: Gesetzlich besser geregelte humane Bedingungen zur Pflege der Einzelopfer, im Sinne eines Henri Dunant. Und es bleibt die soziale Frage.